Singen ist vor allem Freude und Hoffnung

Eintracht Bischofsheim feiert 135-jähriges Bestehen mit starkem Chorkonzert / Von Jürgen Gerth

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Maintal. -Die große in der Tradition des deutschen Liedgutes verhaftete Bedeutung der Gesangvereine und Chorvereinigungen für die sozialen und kulturellen Lebensbereiche wurde am Sonntag im Bürgerhaus Bischofsheim wieder einmal dokumentiert. Anlass war das I35-jährige Bestehen der Bischofsheimer Eintracht. Es zeigte sich dabei aber auch, dass der Verein nicht nur der Tradition verhaftet, sondern auch in der Lage ist, neue Projekte zu entwickeln und aktuelle sowie moderne musikalische Inhalte zu vermitteln. So stand das Programm im Zeichen der Filmmusik und des Musicals. Besonders der neu gegründet~ Projektchor des Vereins, der durch die Initiative des Chorleiters Sergio Goldberg zusammen mit dem Projektchor der Chorgemeinschaft Hattersheim einen Teil des Konzerts trug, muss hier erwähnt werden. Die Chormitglieder bereiten ihre Gesangsbeiträge weniger in umfangreichen gemeinsamen Proben, sondern in eigener häuslicher Übung vor und treffen sich nur einmal im Monat zum gemeinsamen Singen. Das ist ein möglicher Weg, um die Chöre auch in einer schnelllebigen Zeit zu erhalten und neue Mitglieder zu gewinnen.

 

Projektchor zeigt sein Können

Neben den Projektchor bestritten der gemischte Chor des Vereins und Marianne Wycisk (Sopran) die gesanglichen Vorträge. Helmut Stoy führte das Publikum durch das Programm und gab einige erläuternde Hinweise zu den Werken. Der Bedeutung des Anlasses war wohl auch die Anwesenheit von Landrat Erich Pipa und Altlandrat Karl Eyerkaufer geschuldet, daneben fiel die. Abwesenheit von Bürgermeister Erhard Rohrbach weniger ins Gewicht, der durch den Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Rüdiger Fritz vertreten wurde. Um es vorwegzunehmen, Sergio Goldberg hatte die Chöre bestens vorbereitet und so ·gelangen einige Programmpunkte von intensiver Qualität. In erster Linie ist hier zunächst das Lied; Die Rose“ von Amanda.‘ McBrownzu nennen, in welchem die Choristen mit versammelter filigraner; Tongebung in der Mittellage besondere -in die Tiefe gehende; Klangstrukturen erzeugten. Obwohl die weiblichen Stimmen im Klangvolumen dem männlichen überlegen waren, blieb die Balance in den expressiven Steigerungen jederzeit gewahrt.

 

 

Bei „Die Musik der Nacht“ aus dem Musical; Phantom der Oper“ zeigte sich die Wandlungsfahigkeit der Choristen, die fließenden Läufe -auch in der höheren Tessitura der Soprane, verbunden mit den tieferen Männerstimmen -erzeugten ein charakteristisches Klangbild des Werkes. Dieser Eindruck bestätigte sich auch beim Titelsong „Entertainer“ von Scott Joplin aus dem Film „Der Clou“. Die .wechselnde Korrespondenz der verschiedenen Stimmgruppen gelang ohne Einbußen bei Intonation und Textverständlichkeit.

 

Dvorak vom Feinsten

 

Ein Höhepunkt war die gesangliche Umsetzung einer Passage aus Antonin Dvoräks neunter Sinfonie, die durch ihre musikalisch-bildhafte Plastizität besticht. Tonbilder einer Reise durch die neue Welt zeichnen diese Sinfonie in einem hohen Maße aus. Hier gelang es dem Komponisten, mit musikalischen Farben ein wahrhaftiges Klanggemälde zu gestalten. Genau diese Vorgabe konnten die Choristen unter Sergio Goldbergs Leitung trefflich umsetzen. und so entstand eine musikalische Bildhaftigkeit mit vokaler Kraft und Schönheit. Die atmosphärisch dichten Gesangslinien zeigten eine intensive Sensibilisierung und inhaltliche Durchdringung. Die Kunst der Darbietung klassischer Musik -ob instrumental oder vokal -besteht in erster Linie darin, die Vielschichtigkeit, die einem Werk innewohnt, zu erkennen und herauszuarbeiten. Wenn dies gelingt, kann von einem ‚künstlerischen Moment gesprochen werden. Der Rezensent hätte diesen Programmpunkt entsprechend gerne noch einmal als Zugabe gehört. „Plaisir d’amour“ und „Memory“ aus dem Musical „Cats“ vervollständigten die Darbietungen des Hauptchores. Hier hätte man sich etwas mehr Drive gewünscht, obwohl die Gesangslinie fließend blieb. Bei den Auftritten des Projektchores stand die Freude am Gesang ‚ im Vordergrund, wobei die stimmliche Durchmischung und das geschlossene Klangbild überzeugten. Die Musikalität für die Filmmusik und die  Musical, Melodien war dabei von großem Vorteil. Besonders der auch als Zugabe wiederholte Song „Mamma mia“ bestätigte dies nachhaltig. Locker, mit angemessener Lebhaftigkeit und rhythmisch mit jugendlicher Ausdruckskraft sprang der Funke über die Rampe ins Publikum.

 

Auch bei „What a feeling“ und „Singin‘ in the Rain“ war das vokale Engagement zu erkennen und im Hörbild fundamentiert. Dass Intonationssicherheit, musikalische Transparenz und eine solide Textverständlichkeit wesentliche Bestandteile eines Chores sein sollten, zeigten die Projektchöre aus Bischofsheim und Hattersheim noch einmal bei „America“ aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein und „Can you feel the love tonight“ aus“ König der Löwen“ von Elton John. Man sollte dieses Projekt auf jeden Fall weiterentwickeln. Wie Erster Vorsitzender Egon Schneider und Chorleiter Sergio Goldberg unisono mitteilten, wird der Projektchor am 28. November in der evangelischen Kirche in Bischofsheim bei einem Weihnachtskonzert‘ auftreten. Die Sopranistin Marianne Wycisk bestritt den solistischen Teil. Die Sängerin besitzt eine durchaus natürliche Bühnenpräsenz, die sie auch vorteilhaft einsetzt, ohne dabei zu überziehen. DilSS die Akustik eines Bürgerhauses nicht gerade sängerfreundlich ist, weiß man schon lange. Die in der Mittellage gut sitzende Stimme, die auch in den höheren Lagen noch fokussiert ist, war bedingt durch die technische Verstärkung nicht immer in der notwendigen Klangbalance. Das Ansingen der höheren

Register von unten war etwas gewöhnungsbedürftig. Insgesamt fühlte sich die Stimme in den expressiven Passagen wohler als in den zurückgenommen Abschnitten, was auch die Vielfalt der Stimmfarben anbetraf. Besonders intensiv und ausdrucksstark entwickelten sich die beiden Lieder der Eliza Doolittle aus „My’fair Lady“ von Frederick Loewe, die Marianne Wycisk gesanglich unterschiedlich, aber charakteristisch treffend gestaltete. Der Sängerin gelang es im zweiten Teil, die melodische Gesangslinie mit filigraner Feinheit und der notwendigen, aber dosierten Expressivität in Einklang zu bringen. „One“ aus dem Musical „Chorus Line“ und „Nur ein Blick“ aus „Sunset Boulevard“ kamen so sehr intensiv über die Rampe. Zum Abschluss der gelungenen Veranstaltung, die beim Publikum im ausverkauften Saal große Resonanz fand, brachten alle Chöre den Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ gemeinsam zu Gehör. Das musikalische Klangbild flog von vokaler Sehnsucht erfüllt durch den Raum, getragen von der Hoffnung, noch oft solche Konzerte in Maintal erleben zu können.

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